Ella
Bergmann-Michel

Texte
im Nachlass
des Sprengel- MuseumHannover

 

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Tagebuch von 1939 bis 1946
"Briefe in die Nacht"


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Ella Bergmann-Michel
Die 20er Jahre in Frankfurt


Was da war? Jene frische Zugluft lebendiger geistiger Kräfte und das Erlebnis des Mitmachens. Ihr Ursprung, – “Der WErkkbundgedanke” – lebte weiter im Freundeskreis um Otto Ernst Sutter, jener Generation, die der Stadt Frankfurt und ihrer Kultur dann in den 20er Jahren ihr unvergeßliches Gepräge gab; ehe diese Menschen in alle Welt zerstreut wurden und ehe dann der zweite Weltkrieg auch die Altstadt zerstörte. Im Krieg 1914–1918 war sie ein wunderschöner Märchenrest aus alten Merian-Stichen geblieben, und der tätige Bund der Altstadt-Freunde bemühte sich mit lobenswertem Konservierungseifer Wohnmöglichkeiten zu schaffen. Mit Beendigung der ersten Inflation wurden neue Forderungen gestellt. Hygienische, soziale, wirtschaftliche Ansprüche genügten dort der neuen Zeit nicht mehr. Die Entwicklung der Stadt, ihres täglichen Lebens, einschließlich ihrer Kultur, drängten nach Ausdehnung und menschenwürdiger Organsiation. Daraus zog Frankfurt bewußte Konsequenzen, die heute als führend für die 20er Jahre erkannt sind. Koordination der Vielzahl städtischer Ämter. Direkte Zusammenarbeit: Stadtplanung, Hochbauamt, Kunstgewerbeschule und freisschaffende Architekten. Förderung schöpferischer Kräfte setzen ein und ergeben eine ausgezeichnete Teamarbeit zugunsten des Gemeinwesens, des Stadtbildes und für alle kulturellen Aufgaben.
Bemerkenswertes manifestiert sich. Neue Trabantenstädte und große Wohnsiedlungen werden geplant. Vom Zweck des Wohnens in Luft, Licht und Sonne ausgehend, bauen Ernst May. Martin Elsässer, Adolf Meyer, Franz Schuster, Ferdinand Kramer und viele andere. Flachdach und kubischer Reihenbau zwischen Grünflächen überzeugen durch Sachlichkeit. Eine dem Geist der Zeit analog saubere Werbung wird gleichzeitig geschaffen. Plakate, Giebelreklamen, Leuchtsäulen, Ladenbeschriftungen, selbst die amtlichen Drucksachen der Baupolizei erhalten ein anderes Gesicht.
Das alte Frankfurt ist auf dem besten Weg von einem neuen abgelöst zu werden. Es erscheint als Organ für all diese Ideen als erstes die Monatszeitschrift “Das neue Frankfurt”. 1927 erlebte Frankfurt seinen “Sommer der Musik”. Otto Ernst Sutter, vielseitig und persönlich stark damit verbunden, vereinigt eine umfassende Übersicht der internationalen Musikentwicklung zu einer Ausstellung auf dem Messegelände, von der Negertrommel bis zum Sphärophon. Im Geiste des neuen Frankfurt geben Aussteller und Architekten der Veranstaltung ein wahrhaft internationales Gepräge. In Lichtvitrinen sind die wertvollen alten Musikinstrumente untergebracht. Musikapparate überraschen durch interessante Konstruktionen für neue Klangwirkungen, die heute wie Vorläufer der elektronischen Musik anmuten.
Hermann Scherchen berichtet im Heft 6 “Das neue Frankfurt” über die gegenwärtige Situation der Musik. “Das neue Frankfurt” erweist sich für die neue Zeit als umfassend und tragend wie der Werkbund, dem damals ein solches Organ noch fehlte.
Persönliche Kontakte durch internationale Kongresse wirken sich in der Monatsschrift aus. Später folgen andere Städte dem Beispiel Frankfurts. Es erscheinen “Das neue Berlin”, “Die lebendige Stadt Mannheim”. Bis 1928 zeichnet Ernst May als Herausgeber der Zeitschrift, dann tritt der Leiter der Kunstgewerbeschule, Fritz Wichert, hinzu. Ein Zusammengehen, das sich in kultureller Hinsicht als sehr wertvoll erweist. Malerei und Theater bereichern das Programm. Joseph Gantner, der Schriftleiter, schreibt: “…auf dem Theater sind wir Zeugen einer entscheidenden Neuorientierung, es geht um Versuche der Piscatorbühne in Berlin, über welche Oskar Schlemmer spricht…” – Und wer in Frankfurt, der bereit für kulturelle Ereignisse, hätte nicht noch die Aufführung des “Triadieschen Balletts” von Oskar Schlemmer in Erinnerung, die eine Teil der großen Brücke-Revue 1926 war, angekündigt durch ein Plakat von Oskar Schlemmer.
Der Interessentenkreis der Monatsschrift wächst parallel mit vielen hinzukommenden Aufgaben. Im Frankfurter Rundfunkzyklus “Gedanken zu Zeit”, veranstaltet von Hans Flech und Fritz Wichert, nehmen Dessauer und Sombart Stellung zur “Technik im Weltbild der Gegenwart”, Henry van de Velde und Corbusier zum neuen Baustil. Der Frankfurter Sender damals, keineswegs das technsich vollkommene Instrument der heutigen Zeit, kämpft noch mit den Schwierigkeiten musikalischer Darstellung. Zur Einweihung einer völlig neuen Orgel hat Paul Hindemith ein Konzert für Orgel un d Kammerorchester geschrieben, bei dessen Orchesterbesetzung er auf die Klangbedingungen des Rundfunks Rücksicht nimmt. Das Konzert auf der ersten “europäischen Rundfunkorgel” wird zum Ereignis. Intendant Ernst Schoen ist zugänglich für zeitgemäße Experimente. Das Gedicht “Anna Blume” und Teile der Lautsonate von Kurt Schwitters werden auf Platten gesprochen. Im Herbst 1928 wird in Frankfurt die Oktobergruppe gegründet, die sich später mit ihren Arbeitsgemeinschaften zum “Bund das neue Frankfurt” weiterentwickelt.
Arbeitsteilung erfolgt jeweils für: wirtschaftliche Fragen, Städtebau, Ausstellungen und neue Filme. Universalität der Lebensauffassung in Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Technik sollen in alle Schichten der Bevölkerung getragen werden und nicht nur Mitgliedern dieses Bundes zugänglich sein. Die Vereinigung wollte nicht als Clique abgestempelt sein, schrieb Oberbürgermeister Landmann, ihr Ehrenvorsitzender. Die städtische Volksbücherei – Leiter Dr. Waas – schafft Einrichtungen und fahrbare Büchereien für die neuen Siedlungen. 2000 Bände fasse die dafür gebauten Bücher-Autos. Im Volksbildungsheim wird ein Kinderlesesaal eingerichtet, von Frau Fritz Peter Buch betreut. Eine pädagogische Ausstellung orientiert über das Bildungswesen der Stadt. Die Ausstellung “Schaffende Kinder”, von T.W. Geist, Halle, zusammengetragen und gezeigt vom “Bund das neue Frankfurt”, beschäftigt die jüngeren Erzieher. Montessori-Kindergärten betreuen die Kleinkinder der Siedlungen. Es erfolgt die Berufung Willi Baumeisters als Leiter der Werbegrafik- und Fotoklasse an der Kunstgewerbeschule. Seine humorvolle Art, schöpferische Kräfte seiner Schüler herauszufordern, “Unbekanntes” in der Werbung zu entdecken, schafft neue Anregungen. die Fotografie wird wesentliches Mittel zur Gestaltung. Das Titelblatt der Zeitschrift ist in vielen Heften eine optische Anziehung eigener Prägung. Dokumnetar-Fotos, Pflanzenaufnahmen von Renger-Patsch, Foto-Montagen der Geschwister Leitikow, Experimente von Man Ray und Moholy Nagy, Aufnahmen von Umbo bilden ungewollte eine Brücke zum Film. Rudolf Arnheim und Guido Bagier werden zum “Bund das neue Frankfurt” eingeladen und sprechen über die Psychologie der Bildwirkung und über die neue Film-Technik, Karl Altheim über das Filmgeschäft und den Qualitätsfilm.
Dsiga Wertow, Moskau, zeigt auf seiner 1. Europa-Tournee in Frankfurt, im “Bund das neue Frankfurt” und im “Ufa im Schwan” Teile aus seinem Film “Lenins Wahrheit” und “Ein Sechstel der Erde” sowie “Mann mit der Kamera”. Die Besonderheiten der russischen Filme erregen großes Interesse. In Zusammenarbeit mit den Zoo-Kulturlichtspielen finden später auch Kinderveranstaltungen statt. Es wird dort u.a. Flahertys Eskimofilm “Nanuk” gezeigt. Das Rhein-Main-Theater bringt die Erstaufführung von Paul Hindemiths “Wir bauen eine Stadt”.
Der Tod von Adolf Meyer fällt unerwartet in diese so lebendige Zeit und bedeutet für Frankfurt einen schweren Verlust. “Das neue Frankfurt”, Heft 9, September 1929, ist ihm und seiner Arbeit als Architekt und Lehrer der Klasse für Hochbau an der Frankfurter Kunstschule gewidmet. Schüler von Peter Behrens, später 14 Jahre hindurch bekannter Mitarbeiter von Walter Gropius, ehe er seine Arbeit in Frankfurt übernimmt. Ein Jahr später, im September 1930, verabschiedet sich Ernst May mit einer Gruppe Architekten von Frankfurt. sie übernehmen in Rußland die Planungen neuer, großer Bauprojekte. Auch Mart Stam gehört zur Gruppe: sein Altersheim der Budge-Stiftung war fertiggestellt, und er läßt noch einen Dokumentarfilm herstellen: “Wie wohnen die Leute” * . – Seit der Ausstellung “Der Stuhl” stellt die Industrie die bei weiteren Ausstellungen gezeigten besten Möbel-Modelle bereits in Serie her, u.a. nach entwurf von Stam, Kramer, May, Meyer, Dell, Schuster; ferner die bekannte “Frankfurter Küche” der Architektin Grete Lihotzky. In entsprechenden Variationen ist sie in vielen neuen Wohnungen zu finden. Die noch von Adolf Meyer hinterlassene Reklame-Ordnung überwacht weiterhin Werbung und Beschriftung im Stadtbild. Internationale Kongresse, von Stadt und Bund veranstaltet, finden in dem unter Ernst May umgebauten Palmengarten statt. Im festlichen Hochzeitssaal sieht man die Tänzerin Palucca und hört von Kurt schwitters: “Der Schürm” und Teile seiner Lautsonate. Es gibt auch hier noch Protest, wie sie sich auch immer noch gegen das flache Dach bemerkbar machen. Unvergeßliches Ereignis ist die Aufführung von Brechts Oper “Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny” am 16. Oktober 1930. Sie wird zu einem außergewöhnlichen Erfolg, und hält sich trotz entsprechender Schlüssel-Pfeifproteste – damals gabs noch keine “Buh”-Rufer – auf dem Spielplan.
Zum Wintersemester 1932 wird an der sozialwissenschaftlichen Fakultät der J.W. Goethe-Universität eine Forschungsstelle für Wohnungswesen geschaffen, Leitung hat Ernst Kahn. Hier bedarf es auch der Erwähnung, daß an der Universität in jenen Jahren Wertheimer mit seinen Seminaren grundlegende Fragen der Gestaltphilosophie erarbeitet hat.
Im April 1932 wir die Zeitschrift “Das neue Frankfurt” in “die neue stadt” umbenannt. Die dann folgenden Nummern beschäftigen sich eingehend mit den Problemen der Städte New York, Bern und Skandinaviens. Mit dieser internationalen Fühlungnahme ist die Stadt Frankfurt ihrer Tradition treu geblieben. Aber auch von Bau der Stadtrandsiedlungen für Erwerbslose ist in “die neue stadt” nunmehr viel die Rede.
Im August 1932 kommt dann der Bericht über den Antrag der nationalsozialistischen Fraktion in Dessau, das Bauhaus zu schließen. In einer alten Telefonfabrik in Berlin-Steglitz blieb ihm noch ein kurzer Unterschlupf gewährt. Die Zeitschriften “Das neue Berlin”, “Das neue München” und “Lebendige Stadt” hatten ihr Erscheinen eingestellt, die Zeitschrift “Kunst und Künstler” hat ihr Format stark verkleinert. “Das Kunstblatt” war noch als dünner Anhang zur “Form”, der Zeitschrift des Deutschen Werkbundes verbleiben. In Frankfurt liest man die letzten Berichte mit Abbildungen in der Zeitschrift “die neue stadt” über europäische Plastiken und die neue Malerei. Ein Ankauf der städtischen Kunstkommission für die Städelgalerie folgt. Es ist das Bild “Schwebende” des Frankfurter Malers Ernst Feilbusch. “Film als geistiger Ausdruck der Zeit” ist das Stichwort für Heft 10. Hier weist man auf die wichtigen Aufgaben des Qualitätsfilms hin und auf den kommenden Schmalfilm und die ersten, sehr handlichen Aufnahme- und Vorführgeräte. Film-Matinéem vom “Bund das neue Frankfurt” können u.a. noch “Lichtspiel Schwarz-weiß-grau” von Moholy Nagy und den Film “Petite Lilly” von Cavlvacanti zeigen. Die letzten großen Veranstaltungen im Gloria-Palast bringen – bereits in verkürzter Form – “Enthusiasmus” von Dziga Wertow mit einer Abbildung: “Poison – Gift” von seiner zweiten udn letzten Europa-Tournee. Auch eine Veranstaltung mit dem Film “Kuhle Wampe” von Brech-Dudow-Eisler findet noch statt.
Der letzte Bericht der “Brigade” Ernst May, Hannes Meyer, Jurt Meyer können vom “Bund das neue Frankfurt” noch in der Monatsschrift veröffentlicht werden. Es sind Abbildungen über das Problem Groß-Moskau und seine Stadtplanungen. Die Nr. 12, “die neue stadt”, als letztes Heft, erscheint im März 1933. Sie berichtet über die Entwicklung des Verkehrs an Hand der damaligen Automobil-und Motorrad- Ausstellung in Berlin. Die Zeitschrift schließt mit einer persönlichen Einführung. Es war Paul Klee. Dann wird es still um die Kultur der Städte – Marschschritt dröhnt durch die Straßen. –


in: Egoist 10, Frankfurt, November 1966