Filme

Wo wohnen alte Leute / 1931 –
zusammen mit dem Architekten Mart Stamm über das von ihm, Moser und Kramer entworfene Budge-Altersheim in Frankfurt.

Erwerbslose kochen für Erwerbslose
/ 1932 –
Werbefilm für den Verein der Frankfurter Erwerbslosenküchen.

Fliegende Händler / 1932–
Arbeitslose, die in Frankfurt Waren ohne Genehmigung auf der Straße verkaufen.

Fischfang in der Rhön (an der Sinn) / 1932

Letzte Wahl / 1932/33 –
der Wahlkampf in den Straßen von Frankfurt.

Die Filme sind als 35mm und 16mm Kopien im Verleih der Freunde der Deutschen Kinemathek:
verleih@fdk-berlin.de

     
 


Edition Filmmuseum 09:
DVD-Edition:
Ella Bergmann-Michel:
Dokumentarische Filme 1931-1933

Mit der DVD-Edition Ella Bergmann-Michel. Dokumentarische Filme 1931-1933 würdigt das Deutsche Filmmuseum / Deutsche Filminstitut-DIF die Künstlerin, Fotografin und Filmemacherin. Die fünf Filme Ella Bergmann-Michels aus den frühen 1930er Jahren sind erstmals der Öffentlichkeit auf DVD zugänglich. Die DVD erscheint zum 17. Mai in der Edition Filmmuseum, die von mehreren europäischen Film- und Kultur-Institutionen gemeinsam herausgegeben wird.

WO WOHNEN ALTE LEUTE (1931), eine Dokumentation über das von den Architekten Stam, Moser und Kramer 1929-1930 gebaute Altersheim der Budge-Stiftung in der Frankfurter Hansallee, ist ein Plädoyer für moderne Architektur und zeigt das Altersheim als „lebendigen Organismus in seinen Funktionen“, so die Regisseurin. Am 10. Januar 1932 wurde der erste Film von Ella Bergmann-Michel in der vierten Filmmatinée des Bundes Das Neue Frankfurt im Kino Kurbel uraufgeführt.
Ihr zweiter Film ERWERBSLOSE KOCHEN FÜR ERWERBSLOSE (1932) entstand im Auftrag des Vereins der Frankfurter Erwerbslosenküchen, dem mit Zuspitzung der Wirtschaftskrise die Mittel ausgegangen waren, um Tausende Erwerbslose, die keinerlei Unterstützung erhielten, mit einer warmen Mahlzeit zu versorgen. Der Film lief als Vorfilm in vielen Frankfurter Kinos und in Straßenvorführungen an der Frankfurter Hauptwache.
In ihrem nächsten Film FLIEGENDE HÄNDLER IN FRANKFURT AM MAIN (1932) beobachtete Ella Bergmann-Michel Händler, die auf dem Frankfurter Großmarkt Obst und Gemüse erwarben und ohne Genehmigung in den Frankfurter Straße verkauften. In der Montage des Films suchte sie, ganz im Sinne der Liga für den Unabhängigen Film, nach den Eigengesetzlichkeiten des Mediums Film: Rhythmus und Bewegung.
Der im Sommer 1932 gedrehte FISCHFANG IN DER RHÖN (AN DER SINN), ein „lyrisches Landschaftsthema“ wie Ella Bergmann-Michel später schrieb, erinnert einerseits an ihre experimentellen Landschaftsfotos und andererseits an ihre Collagen, in denen sie farbig abgestufte Transparentpapiere übereinander schichtete.
Ihren letzten Film WAHLKAMPF 1932 (LETZTE WAHL) über den Frankfurter Wahlkampf 1932 brach sie aus politischen Gründen ab. Während der Dreharbeiten wurde sie verhaftet und ein Teil des Filmmaterials vernichtet, der Film liegt nur als Fragment vor.
Bonusmaterial Die DVD enthält neben den fünf von Ella Bergmann-Michel gedrehten Filme das gesamte noch erhaltene Filmmaterial zu FLIEGENDE HÄNDLER IN FRANKFURT AM MAIN.

Ergänzt wird das Material um zwei weitere Filmarbeiten, die nur als Fragmente erhalten sind. Ella Bergmann-Michels Filme, die stumm gedreht und ursprünglich mit keiner Musik versehen waren, werden musikalisch von dem international renommiertenStummfilmmusiker Günter Buchwald begleitet.

Als weiteres Bonusmaterial enthält die DVD den von Jutta Hercher und Maria Hemmleb 1989 gedrehten Dokumentarfilm MEIN HERZ SCHLÄGT BLAU, der das künstlerische Werk von Ella Bergmann-Michel zeigt: Zeichnungen und Collagen, Fotografien und Sequenzen aus ihren Filmen.


Booklet
Das umfangreiche, ca. 20-seitige Booklet enthält Texte der Filmemacherin Jutta Hercher über das filmische Werk von Ella Bergmann-Michel und ihre künstlerischen Arbeiten; eine Bio- und eine Filmografie dokumentieren die wichtigsten Lebensstationen der Künstlerin. In dem Text „Meine Dokumentar-Filme“ von 1967 beschreibt Ella Bergmann-Michel ihre filmische Arbeit. Ein weiterer Beitrag gewährt einen Einblick in Ella Bergmann-Michels Nachlaß, der, zusammen mit dem Nachlaß von Robert Michel,im Sprengel-Museum, Hannover, bewahrt wird.


Edition Filmmuseum
Die DVD erscheint in der Edition Filmmuseum, einer gemeinsamen DVD-Publikationsreihe von Filmarchiven und kulturellen Institutionen aus dem deutschen Sprachraum. Ziel ist die Verbreitung künstlerisch und historisch relevanter Filme in Ausgaben, die sowohl den Möglichkeiten des Mediums DVD als auch den qualitativen Ansprüchen audiovisueller Archive Rechnung tragen. Partner sind u.a. Filmmuseum München, Österreichisches Filmmuseum (Wien), Filmmuseum Düsseldorf, Cinémathèque Municipale de Luxembourg, Bonner Kinemathek, Cinémathèque Suisse (Lausanne), Goethe-Institut (München).

www.edition-filmmuseum.de

Herausgeber: Deutsches Filmmuseum, Frankfurt/Main
DVD-Authoring: Ralph Schermbach
DVD-Supervision: Thomas Worschech, Monika Haas

http://www.deutschesfilmmuseum.de


Die DVD ist ab sofort zum Preis von € 19,95 an der Kasse des Deutschen Filmmuseums sowie über buchversand@deutsches-filmmuseum.de erhältlich.

 

 
 

 

Ella Bergmann-Michel
Meine Dokumentar-Filme


In einer kulturellen Vereinigung "bund das neue frankfurt" mit seiner Zeitschrift gleichen Namens war unter andern Arbeitsgemeinschaften auch eine solche für die Verbreitung und Schaffung des guten Films gegründet worden. Sie war der Liga für unabhängigen Film angeschlossen worden. Geplant waren kritische Vorträge und die Herstellung eigener informativer Filme. Diese Arbeitsgemeinschaft wurde von einer Dreier-Gruppe geleitet deren Mitglied ich war. Eines Tages machte der Architekt Mart Stam mir den Vorschlag einen Film über das von ihm, Moser und Kramer gebaute Budge-Altersheim in Frankfurt zu drehen. Leider war ich noch nicht im Besitz einer eigenen Kamera. Es fand sich ein Fotograf, der einen Apparat mit Handkurbel besass. Nach einem von Mart Stam und mir angefertigten Manuscript übernahm ich die Regie. Licht und Sonne in grossen heiteren Räumen hatte dieser 1929 fertiggestellte, erstmalig für Frankfurt sehr moderne Bau, der mit allen Bequemlichkeiten für alte Leute ausgestattet war. So wurde das Altersheim aufgenommen und das Wohlbefinden der Alten gezeigt. Der Grundriss des Baues sowie die Veränderlichkeit einiger Räume wurde durch Zeichnung im Trick dargestellt. Nach der 1. Vorführung im Programm einer Matinée im "bund das neue frankfurt" mit den Filmen: Die neue Wohnung von Hans Richter und Abbruch und Aufbau von Wilfried Basse, stellte damals die Frankfurter Zeitung fest, dass es eine gelungene Kulturfilm Demonstration gewesen sei. Lichtspieltheater in Frankfurt und Berlin übernahmen den Film in ihr Beiprogramm. Verleiher war der "bund das neue frankfurt". In- und ausländische Baugesellschaften erwarben Kopien.
Ein Zufall liess mich den 35 mm Hand-Kinamo erwerben zu dem Joris Ivens geraten hatte. Er hatte mit einer solchen der sogenannten bewegten Kamera seinen Film Regen und Teile des Zuidersee-Films gedreht. Im Frühjahr 1932 wandte sich der Verein der Frankfurter Erwerbslosen-Küchen mit einer Bitte um einen kurzen Werbe-Film an verschiedene Filmgesellschaften. Hierüber berichtete die Frankfurter Volksstimme im Sept. 1932: "Es ist interessant, dass grosse Filmgesellschaften die Herstellung eines derartigen Bildstreifens wie den der Erwerbslosen-Küchen ablehnten, da schon die Kosten allein für den Lampenpark als zu hoch bezeichnet wurden. Frau Bergmann-Michel musste deshalb den Film auf eigene Faust trotz grosser Schwierigkeiten mit den geringsten Mitteln herstellen. Die schon so oft totgesagte Avantgarde des Films, die hier in Frankfurt in der dem 'bund das neue frankfurt' angeschlossenen Filmliga wirkt, hat mit der Lösung dieser aktuellen Aufgabe erneut ihre Existenzberechtigung erwiesen." Mit drei 1000 Watt-Lampen im Rucksack und dem kleinen Kinamo, dessen Negativfilm ich in den Kassetten in dunklen Kellern oder Fotogeschäften sofern sie überhaupt greifbar waren einlegte, hatte ich es geschafft. Aufzeichnungen als Resultat aus Beobachtungen in 28 Küchen, wo Erwerbslose 10.000 Ltr. Essen für Erwerbslose ausgaben, dienten als Unterlage für das Thema des Werbefilms, dessen Aufgabe es war überzeugend die Bitte um weitere Beiträge darzustellen. Der Film lief im Beiprogramm der Lichtspieltheater und als Freiluft-Film abends an der Hauptwache unter dem dortigen Schillerdenkmal. Einnahmen je Abend über 600 R.M.
Mutig ging ich an den 3. und 4. Film mit eigenen Ideen. Ein dokumentarischer Zeitbericht über die "Fliegenden Händler" in der Zeit der Arbeitslosigkeit gab das Thema. Mit der 35mm Handkamera liessen sich unbeobachtet auf Plätzen und Strassen von den Händlern Aufnahmen machen, von solchen mit teils sensationell aufgemachten Werbevorführungen sowie den anderen, die bemüht waren, den Beobachtungen der Polizisten zu entgehen, da versucht wurde, die Ware ohne Genehmigung zu verkaufen. Den Abschluss des Themas bildeten Jahrmarktshändler mit Vorführungen auf dem Rummelplatz der Grossmarkthalle. Dort bereits beschattet von politischer Polizei war ich froh, meine fertigen Film-Kassetten unangetastet nach Hause zu bekommen. Der 4. Film ein lyrisches Landschaftsthema Spaziergang in der Rhön, reizte mich vor allem durch den Fischfang, der die Veranlassung zu dem Spaziergang war und bei dem es mir gelang, die gegen Abend aus dem Fluss hochspringenden Forellen in das Bild zu bekommen.
Der letzte Film blieb ein Fragment. Es waren Aufnahmen von Wahlplakaten, von lebhaften Strassen-Diskussionen, von typischen den jeweiligen Parteien zugehörigen Anhängern. Die Frankfurter Strassen und Gassen bereits mit Hakenkreuz-Fahnen sowie Hammer und Sichel, und der bekannten Flagge mit den 3 Pfeilen geschmückt wurden dokumentarisch festgehalten. Dann musste ich die Aufnahmen aus politischen Gründen abbrechen. Es war Januar 1933. -
Alle meine kleinen Filme sind Stumm-Filme. Der Altersheim-Film und Erwerbslosen-Film haben Zwischentitel. Die Filmsprache jener Jahre in den Kurzfilmen wurde durch Bildausschnitt, Kamera-Bewegung, Schnitt und Montage erreicht - ganz analog denen in der Liga für den unabhängigen Film in den Matinéen vom "bund das neue frankfurt" gezeigten stummen Dokumentarfilmen Marseille von Moholy Nagy, Regen von Joris Ivens, Deutschlandfilm von Basse, Nanuk von Flaherty, Eiffelturm von René Clair.
1977